Qualitative Datenanalyse

Nach der Datenerhebung: Transkription und Analyse

Vermutlich jeder Dozent für qualitative Forschungsmethoden hat die folgende Situation schon erlebt: Ein Student teilt Ihnen mit, dass nun alle 12 Interviews durchgeführt wurden. Sind sie schon transkribiert und er stellt fie Frage: “Was soll ich als nächstes tun?” Steinard Kvale (1996) hat diesem Thema einen Artikel und später ein Buchkapitel mit dem Titel gewidmet und nennt dies die “1.000 Seiten-Frage.” Wenn Studenten diese Frage stellen, ist es im Grunde schon zu spät, schreibt er. Es ist wichtig, “schon vor ihrer Durchführung nachzudenken, wie die Interviews analysiert werden sollen. Die gewählte oder zumindest in Betracht gezogene Analysemethode steuert die Vorbereitung des Interviewleitfadens, den Interviewprozess selbst und die Transkription der Interviews.” (S.178)

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es verschiedene Möglichkeiten der Datentranskription gibt und Sie sich dieser bewusst sein müssen, um eine Entscheidung zu treffen. Sie können wörtlich, Wort für Wort, wie es gesprochen wurde, mit allen Wiederholungen, Halbsätzen, ähm, mmh, Pausen, etc. transkribieren oder es polieren, um die gesprochene Sprache in grammatikalisch korrekte Sätze zu verwandeln. Wenn Sie zum ersten Mal Daten transkribieren, werden Sie feststellen, dass wir (Sie eingeschlossen) keine gedruckte Sprache sprechen. Zuerst fühlt es sich schrecklich an. Ist es wirklich ich, denken Sie vielleicht, der die Fragen so stellt? Rede ich wirklich so?

Eine wortgetreue Abschrift hat den Vorteil, dass die ursprüngliche Interview-Situation am besten erfasst wird. Oft, wenn wir sprechen, denken wir darüber nach, was wir als nächstes sagen wollen – während wir reden. Wir brauchen Pausen, um über Fragen nachzudenken. Manchmal haben wir noch keine Antwort und müssen unsere Gedanken klären – auch wenn wir reden. Das Ergebnis sind Sätze, die unvollendet bleiben, Sätze, die ineinander übergehen oder sich überlappen. Dies sind wichtige Daten und helfen dem Analysten, den Inhalt des Gesagten zu interpretieren. Wenn Sie sich jedoch nur für Fakten und Informationen interessieren, kann auch die Übertragung der gesprochenen Sprache in grammatikalisch korrekte Sätze eine geeignete Option sein. Sie müssen diese Entscheidung im Rahmen Ihrer Forschungsfrage treffen. Ob Sie alle “mmhs” und “aahs” transkribieren müssen, hängt auch von der Absicht Ihrer qualitativen Forschung ab. Es gibt sehr feinkörnige Transkriptionssysteme wie GAT (siehe unten); Sie können auch Ihre eigene Transkriptionsnotation aus bestehenden Systemen ableiten.
Wichtig ist, dass Sie nicht nur Ihre Daten transkribieren, sondern auch darüber nachgedacht haben, welcher Detaillierungsgrad für die Art der Analyse, die Sie durchführen möchten, notwendig ist. Nachfolgend sehen Sie eine Reihe von Beispielen, wie Daten transkribiert werden können:

 

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Transcriptionssystem nach Kallmeyer und Schütze (1976)

…. kurze Pause
….. mittlere Pause
(Pause) lange Pause
Mhm Füllpausen, Empfangssignal
(.) fallende Tonhöhe oder Intonation
(-) Suspendierende Stimme
(`) Erhöhung der Tonhöhe oder Intonation
(?) Fragenintonation
(h) Hemmung / Zögern
(Lachen) nicht-stimmliche Eigenschaft
(verlässt den Raum) Beschreibung der Aktionen
& Zeigt an, dass die beiliegende Rede schneller als
üblich für den Sprecher gehalten wurde.
(…), (….) verständlich
(Text?) verständlich, beste Einschätzung
[ gleichzeitig

Die Wahl der Transkriptionsmetheode liegt beim Forscher, aber sie muss bewusst getroffen werden, und die getroffene Auswahl sollte auch im Methodikkapitel des Forschungsberichts erläutert werden. Gleiches gilt für die Auswahl der Analyseverfahren. Es würde über den aktuellen Rahmen hinausgehen, die verschiedenen Analysemöglichkeiten, auch nur kurz zu erläutern. Ideen über die verfügbaren Optionen bietet u.a. ein Blick auf Bernard und Ryan (2010). Sie beschreiben ein breites Spektrum von Ansätzen wie Cultural Domain Analysis, KWIC-Analyse, semantische Netzwerkanalyse, Diskursanalyse, narrative Analyse, Grounded Theorz, Inhaltsanalyse, Schemaanalyse, analytische Induktion, qualitative vergleichende Analyse und ethnographische Entscheidungsmodelle. An dieser Stelle soll nur darauf hingeweisen werden, dass über Transkription und Analyse – also darüber, wie was mit den Daten umgegegangen werden soll – schon möglichst früh im Forschungsprozess nachgedacht werden muss – und nicht erst, nachdem alle Daten gesammelt worden sind.

 

Bernard, Russel H. & Ryan, Gery W. (2010). Analysing Qualitative Data: Systematic Approaches.London: Sage.

Jefferson, G. (1984). Transcript Notation, in J. Heritage (eds), Structures of Social Interaction, New York: Cambridge University Press.

Kallmeyer, W. und Schütze, F. (1976). Konversationsanalyse. Studium Linguistik, 1, 1 – 28.

Kvale, Steinar (1996). The 1,000 page question. In: An Introduction to Qualitative Research Interviewing. Thousand Oak, CA: Sage, pp. 176 – 186.

See also: Dresing, Thorsten / Pehl, Thorsten: Praxisbuch Interview, Transkription&Analyse. Anleitungen und RegelsystemefürqualitativForschende; 5.Auflage (1. Auflage Juni 2011). Marburg, 2013.Quelle: www.audiotranskription.de/praxisbuch