Datenerhebung

Entwurf und Vorbereitung des Forschungsinstruments

In der qualitativen Forschung und in qualitative Studien ist das Hauptinstrument der Forscher selbst.

Der Forscher beobachtet, macht Notizen, spricht mit Menschen, etc. All dies sind Fähigkeiten, die es zu erlernen gilt. Laut Delamont (2004): “Das größte Problem, das Anfänger bei der Vorbereitung auf die ethnographische Feldarbeit finden, ist, dass die Methodenbücher nicht explizit genug darüber sind, was sie beobachten, wie sie beobachten und was sie aufschreiben sollen” (S. 225). Das Gleiche gilt für die Durchführung von Interviews. Allein die Tatsache, dass wir in unserem Alltag mit Menschen sprechen, zuhören, Fragen stellen und kommunizieren, macht uns noch nicht zu einem guten Interviewer. Laut Helfferich (2009) benötigt ein guter Interviewer folgende Fähigkeiten: Technische Kompetenz, Interaktive Kompetenz: Aufmerksamkeit und Steuerung, kommunikationstheoretische Kompetenzen und Kenntnisse im Umgang mit Vorkenntnissen und persönlichen Vorurteilen:

Technische Kompetenz wird bei der Organisation von Interviews benötigt. Sie müssen Teilnehmer finden, Vorkehrungen für das Interviewgespräch treffen, Fragen zu Vertraulichkeit und Datenschutz erläutern, Einwilligungserklärungen vorbereiten, Ihren Interviewteilnehmern ein gutes Gefühl geben und die richtigen Worte finden, um die Interviewsituation zu eröffnen.

Interaktive Kompetenz bezieht sich auf die Aufmerksamkeit Ihrem Interviewpartner gegenber und die Steuerung des Interviews in eine zielführende Richtung. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass sich der Befragte beim Gespräch wohl fühlt. Die Rollen müssen geklärt werden: Sie stellen zwar Fragen, aber meistens hören Sie zu und der Befragte spricht. Dies widerspricht den Regeln des täglichen Gesprächs, indem sich das Gleichgewicht verschiebt. Sie müssen ein aktiver Zuhörer sein, Interesse zeigen und den Befragten ermutigen zu sprechen. Sie müssen den richtigen Moment finden, um die nächste Frage zu stellen, den richtigen Weg und die richtige Form zu finden, um sie zu stellen, und Sie müssen das Gespräch am Laufen halten. Dazu gehört auch der Umgang mit Stille, das “Lesen” nonverbaler Signale, und das “Senden” geeigneter Signale. Sie müssen die ganze Zeit über eine Maß an Selbstreflexivität aufrecht erhalten, Ihre Reaktionen kontrollieren und das richtige Maß an Empathie zeigen. Das alles erfordert Übung. Wenn Sie die Gelegenheit haben, nehmen Sie am besten an einem Interview-Training teil. Eine gute Gelegenheit zur Überprüfung Ihrer Qualität als Interviewer bietet sich nicht zuletzt beim Transribieren Ihrer Daten.

Kenntnisse der Kommunikationstheorie helfen Ihnen, bestimmte Dialogsignale und Gesprächsstrategien zu erkennen. Darüber hinaus hilft es Ihnen bei der Vermittlung von Rollen, um im Gespräch das richtige Machtgleichgewicht und die richtige Kooperation zu erreichen. In der Kommunikationsliteratur finden Sie auch Hinweise zum Umgang mit schwierigen Interviewsituationen und -teilnehmern.

Im Umgang mit Vorwissen und daraus resultierender persönlicher Verzerrung müssen Sie das Zurückhalten oder Arbeiten mit Ihren eigenen Gedanken, Gefühlen, Überzeugungen und Erwartungen trainieren. Voraussetzung ist, dass Sie sich Ihrer Verzerrungen bewusst sind und diese explizit ausdrücken können. Dies ist eine Voraussetzung, um die selektive Aufmerksamkeit zu überwinden. Während des Prozesses der Durchführung der Studie müssen Sie auf die Auswirkungen vorbereitet sein, die dies auf Sie haben kann. Sie müssen darauf vorbereitet sein, dass Sie Ihre Vorkenntnisse überarbeiten müssen.

Verständnis für den Forschungsteilnehmers ist ein weiteres Thema. Basierend auf persönlichen Haltungen kann es sein, dass nicht verstehen, wovon er spricht oder Aussagen nicht logisch oder sinnvoll finden. Während des Interviews müssen Sie innerhalb von Sekunden entscheiden, ob es in Ordnung ist, eine klärende Frage zu stellen oder es der Interpretationsphase zu überlassen, um ein besseres Verständnis zu erlangen.

Bei der Planung einer Interviewstudie sollte die erste Überlegung sein, welche Art von Interview man führen soll. Es gibt eine Reihe von verschiedenen Formularen, die unterschiedliche Arten von Daten liefern (siehe z.B. Helfferich, 2009).

Das Interviewformular sollte zu Ihren Forschungszielen passen. Ein Dialog produziert andere Formen von Daten als ein Monolog. Abhängig von Ihrem Forschungsgegenstand können Sie sich über subjektive Konzepte oder unbewusste Motive informieren; oder Sie sind an biographischen Selbstbeschreibungen oder einfach an Informationen von einem Experten interessiert. Interviews unterscheiden sich im Grad der Steuerung und Struktur; Sie können in ein Interview als jemand gehen, der bereits viel über das Thema weiß, oder Sie gehen komplett themenfremd hinein. Das Interview kann im Rahmen einer alltäglichen Aktivität stattfinden, wie in einem ethnographischen Umfeld oder in einem mehr künstlichen Kontext. Der Fokus kann auf dem Hören einer langen Geschichte liegen oder auf dem Streben nach gegenseitigem Verständnis und allem, was dazwischen liegt.

Beispiele für verschiedene Interviewformen, die auf einem Kontinuum der oben genannten Dimensionen arrangiert werden können, sind ethnographische Interviews, narrative Interviews, Guided Interviews, biographische Interviews, problemzentrierte Interviews, episodische Interviews, Tiefeninterviews, semi-strukturierte Open End Interviews, Gruppeninterviews oder Fokusgruppen. In den letzten Jahren sind selbsverständlich auch Online-Interviews möglich geworden. Um solche Interviews durchführen zu können, müssen Sie mit den technischen Anforderungen vertraut sein – beispw. können Sie die interviewte Person nur hören, aber nicht sehen. Dadurch gehen nonverbale Signale verloren und wichtige Kontextinformationen können fehlen. Vorteile des Onlineinterviews ist, dass sich so einfacher Raum-, Standort- und Zeitengpässe überwinden lassen. Bei einem kleinen Budget können Sie nicht überall hin reisen, aber Sie können vielleicht Personen erreichen, mit denen Sie online sprechen möchten.

In Summe gibt es eine große Anzahl von Optionen, aus denen man wählen kann. Ihre Aufgabe ist es, eine fundierte Entscheidung zu treffen und Ihre Wahl in Forschungsmethodik Kapitel Ihres Berichts erläutern zu können. Eine Liste der Interviewformulare mit Referenzen finden Sie am Ende dieses Kapitels für weitere Informationen.

Wenn Sie Beobachtung als Ihre Art der Datenerhebung wählen, müssen Sie ähnliche Fragen berücksichtigen. Welche ist die beste Form der Beobachtung in Bezug auf Ihre Forschungsfrage? Möchten Sie ein externer, passiver, ausgeglichener, aktiver oder totaler Teilnehmer sein? Für jede dieser Beobachtungsarten gibt es Vorteile und Einschränkungen (siehe z.B. Creswell, 2009). Wie bereits erwähnt, ist auch das Verfassen von Feldnotizen eine Fähigkeit, die gelernt werden muss.

Andere Formen von Daten, die für ein qualitatives Forschungsprojekt in Betracht gezogen werden können, sind gedruckte Dokumente, Online-Dokumente, Webseiten, Bilder, Audio- und Videomaterialien oder geografische Daten. Dies ist auch bei der Gestaltung Ihres Forschungsprojektes zu berücksichtigen.

 

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Ein weiteres Thema, das es zu berücksichtigen gilt, sind ethische Forschungsaspekte. Je nach Land muss Ihr Forschungsantrag ein Beurteilungsgremium durchlaufen. In anderen Ländern ist dies nicht notwendig, dennoch gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest Datenschutzgesetze zu beachten. Wenn Sie Interviews durchführen, ist es zwingend erforderlich, dass zwischen Ihnen und Ihrem Gesprächspartner eine Einverständniserklärung vorliegt. Dies kann eine mündliche Vereinbarung oder in Form eines unterzeichneten Dokuments sein. Sie müssen den Zweck Ihrer Forschung erläutern, was Sie mit den Daten vorhaben, wer Zugang zu den Daten hat und wie lange die Daten gespeichert werden und in welcher Form die Ergebnisse verwendet und präsentiert werden.

Ein gängiges Verfahren ist die Anonymisierung der Daten, d.h. die Ersetzung aller identifizierenden Informationen wie Namen oder Personen, Ort und Orte, Berufsstand usw. durch Pseudonyme oder abstrakte Zeichen wie A001, A002 usw. Achten Sie bei der Erstellung einer schriftlichen Einwilligungserklärung auf die jeweiligen Datenschutzgesetze und berücksichtigen Sie bei der Formulierung Ihres Textes die gesetzlichen Bestimmungen und Konsequenzen. Beispiele für solche Formulare finden Sie online und auch in einigen Methodenbüchern (z.B. Helfferich, 2009).

Lektüre

Creswell, John W. (2009). Research Design: Qualitative, Quantitative, and Mixed Methods Approaches. London: Sage. Second edition available online: http://isites.harvard.edu/fs/docs/icb.topic1334586.files/2003_Creswell_A%20Framework%20for%20Design.pdf

Delamont, Sara (2004). Ethnography and participant observation, in: Seale, Clive; Gobo, Giampietro; Gubrium, Jaber F. and Silvermann, David (eds). Qualitative Research Pratice. London: Sage.

Helfferich, Cornelia (2009, 3rded). Die QualitätqualitativerDaten. Manual für die Durchführung qualitative Interviews. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Weitere Lektüre

Ethnographische Interview: Spradley, J.P. (1979) The Ethnographic Interview. New York: Holt, Rinehart & Winston.

Narrative Interviews: Lucius-Hoene, Gabriele &Deppermann, Arnulf (2002). Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews. Opladen: Leske + Budrich.

Biographische Interviews: Rosenthal, Gabriele (2004). Bibliographic research. In Seale, Clive; Gobo, Giampietro; Gubrium, Jaber F. and Silvermann, David (eds). Qualitative Research Practice. London: Sage.

Episodische Interviews: Flick, Uwe (2006, 3rd ed / 2007). An Introduction to Qualitative Research.London: Sage. Chapter 13. / Qualitative Sozialforschung: Eine Einführung. Reinbek bei Hamburg: rowohlt. Kapitel 13.

Focussierte Interviews: Merton, R.K. & Kendall, P.L. (1956).The Focused Interview.Glencoe, Ill. / Merton, R.K. & Kendall, P.L. (1975). Das fokussierte Interview. In Hopf, Christel & Weingarten, E. (eds). Qualitative Sozialforschung. Stuttgart, Klett-Cotta, pp. 171-204.

Tiefeninterview: Kvale, Steinar (1996). An Introduction to Qualitative Research Interviewing.Thousand Oak, CA: Sage. / Lamnek, Siegfried (2005, 4. ed). Qualitative Sozialforschung: Lehrbuch. Weinheim,Basel: Beltz Verlag. Chapter 8.

Gruppeninterviews: Flick, Uwe (2006, 3rd ed / 2007). An Introduction to Qualitative Research.London: Sage. Chapter 15. / Qualitative Sozialforschung: Eine Einführung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, chapter 15.

Focus Groups: Morgan, David L. (1988). Focus Groups as Qualitative Research.Thousand Oaks, CA: Sage. / Morgan, David L. and Krueger, R.A. (1998). The Focus Group Kit.TousandOask, CA: Sage.

Qualitative Online-Interviews: Mann and Stewart (2005) Internet Communication and Qualitative Research: A Handbook for Researching Online London: Sage. / Rezabek, Roger (2000, January). Online focus groups: Electronic discussions for research [67 paragraphs]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 1(1). http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-00/1-00rezabek-e.htm

Commented Example of an interview protocol

Blumer, Herbert (1969). Symbolic Interactionism: Perspective and Methods. Englewood Cliffs, NJ. (Introduction)

Cicourel, Aron V. (1974). Theory and method in a study of Argentine fertility. New York: Wiley

Helfferich, Cornelia (2009, 3rd ed). Die QualitätqualitativerDaten. Manual für die Durchführung qualitative Interviews. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Strauss, Anselm L. (1987). Qualitative Analysis for Social Scientists.Cambridge: Cambridge University Press. (dt. 1991, Grundlagen qualitativer Sozialforschung. München: Fink).

Witzel, Andreas (2000). Das problemzentrierte Interview [25 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 22, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0001228.